Nicht 1984

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sondern 2014 könnte das Jahr werden…

Bild: © GiZGRAPHICS - Fotolia.com

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in dem jedes Recht auf Privatsphäre (und damit auch der Datenschutz) endgültig vor die Hunde geht. George Orwell lag mit seiner Zukunftsvision gar nicht so falsch, auch wenn er sie 30 Jahre zu früh terminierte.

Sicherlich habt Ihr schon von ihr gelesen – der neuesten technischen Innovation: der „Google-Brille„. Nach erfolgreich abgeschlossener Testphase wird dieses Gerät ab ca. Ende 2013 in den Handel gehen. Neben dem vorrangigen Nutzen, dass „Google Glass“ dem Träger zeitgleich im Netz verfügbare Zusatzinformationen über seine Umwelt – z. B. irgendwelche Lokalitäten – liefert (ohne dass dieser dafür auf seinem Smartphone herumtippen muss), beinhaltet es auch die Funktion zur automatischen Identifizierung von Passanten in dessen Umgebung. Das ist das Eine – ggf. noch hinnehmbare. Viel bedenklicher finde ich, dass der Träger außerdem jederzeit in der Lage sein wird, unbemerkt zu fotografieren sowie zu filmen, was sich vor seinen Augen abspielt. Und seine (heimlichen) Aufzeichnungen direkt im Internet zu veröffentlichen. Denn auch das wird damit möglich sein.

Sollten sich diese Brillen verbreiten – und das werden sie sicherlich rasch tun (der Verkaufspreis soll gerüchteweise ca. 400 Euro betragen) muss man damit rechnen jederzeit und überall aufgezeichnet zu werden. Und in Verbindung mit der automatischen Gesichts- und Staturerkennung wird gleich noch eine Verbindung zum Namen der gefilmten Person hergestellt.

Stellt Euch vor, Euch passiert irgendein peinliches Missgeschick – wollt Ihr zur Lachnummer auf Youtube oder gar in einer dieser „Homevideo“-TV-Sendungen werden? Ich finde die Vorstellung gruselig. Natürlich lässt sich gegen die Veröffentlichung im nachhinein klagen, aber was mag das bringen, wenn ein Video (z.B.) schon tausendfach betrachtet oder vielleicht kopiert (und damit eben woanders veröffentlicht) wurde? Und was Google einmal gespeichert hat, gibt Google erfahrungsgemäß so leicht nicht mehr her. In naher Zukunft wird man nirgendwo mehr sicher vor (unbemerkten!) Aufzeichnungen sein, außer vielleicht noch in den eigenen vier Wänden. Die Rechte am eigenen Bild sowie auf informationelle Selbstbestimmung werden wir künftig nur noch in der Theorie besitzen. Im Vergleich zu „Google Glass“ war „Google Streetview“ (worüber sich seinerzeit alle aufregten – von wegen Datenschutz) – sorry für den Ausdruck: „Kinderkacke“.

Personenscan: Ausschnitt aus dem Film „Terminator“ (Teil 1 stammt übrigens aus dem Jahr 1984)

Es mag an meinem hohen Alter liegen, dass ich dieser neuen Zukunftstechnologie nicht etwa freudig gegenüber trete, sondern eher misstraue. Die jüngere Generation wird das möglicherweise ganz anders sehen; für sie ist es heutzutage mehr oder weniger Normalzustand, als „transparenter Mensch“ durchs Leben zu gehen. Sie kennen es kaum anders. Größtenteils tut man sich das ja auch freiwillig an.

Aber genau das Freiwillige, das macht m.E. den großen Unterschied. Es ist eine Sache freiwillig peinliche Partybilder von sich ins Netz zu stellen oder sein Einkaufsverhalten z.B. über Payback zu offenbaren. Selbst die Menschen, die sich für diese unerträgliche TV-Sendung „Big Brother“ (Herr Orwell mag sich im Grab umdrehen😉) permanent filmen lassen, tun das freiwillig.

Es ist jedoch etwas völlig anderes, wenn dies ohne Einwilligung, mehr noch: sogar ohne eigenes Wissen – geschieht. Ich bezweifle allerdings, dass man irgendetwas dagegen tun kann, die Entwicklung scheint unaufhaltsam. Schöne neue Welt…

Empfehlenswerte, weiterführende Artikel zu diesem Thema:
» Google Glass: Eine egoistische Technologie (netzwertig.com)
» Trübe Aussichten für Google Glass? (socialmediawatchblog.de)
» Google will sehen was wir sehen (tageswoche.ch)
» Brave new world (basicthinking.de)

Wie immer ein wenig Musik zum Thema:
„Somebody’s watching me“ von Rockwell (und Michael Jackson) passenderweise – jawohl! – ebenfalls aus dem Jahr 1984

P.S.: Persönlichkeitsprofil anhand von Facebook-Likes „You are what you like“ – probierts mal aus😉

18 Gedanken zu „Nicht 1984

  1. Pingback: Von Scannern und Robotern | Meine Kleider

  2. Hi, so richtig habe ich den Sinn dieser Brille noch nicht erfasst. Da man diese Brille auch als solche erkennt, wird man sie in öffentlichen Räumen (z.Bsp. Spielbank, Ausstellungsräume…) ablegen müssen. Sitzt mir so ein Typ mit dieser Brille in der U-Bahn gegenüber, dann kann er mich aufnehmen und was macht er mit so einem alten Face?
    LG

    • Hi Seraphine,

      ok, wollen wir einfach mal ein bisschen schwarz malen. Du sitzt also in der Bahn, Dir gegenüber so ein Spacko mit Google-Brille. So ein richtig fieser Typ, mit dem Du freiwillig neverever einen Kaffee trinken gehen würdest, sag ich jetzt einfach mal so. Während er Dich also anschaut, analysiert die Brille Deine Gesichtszüge und Deine Statur und versucht diese mit irgendeinem Profil – welches im Netz bereits bekannt ist, z.B. über Facebook oder Google zu matchen. Wird ein Treffer gefunden, wird dem Spacko zeitgleich über seine Brille angezeigt, was online so alles über Dich gespeichert wurde. Das könnte zum Beispiel Dein richtiger Name sein, vielleicht sogar Deine Privatanschrift. Und natürlich alles weitere, was Du im Web über Dich veröffentlicht hast oder auch was andere ggf. über Dich veröffentlicht haben mögen (man hat es ja nicht 100-%-tig selbst in der Hand). Hobbys, Interessen, Arbeitgeber, was weiß ich…
      Alles Daten, die diesem Spacko nun zur Verfügung stehen. Und jetzt gehen wir mal davon aus, dass dem Spacko Dein „altes Face“ gefällt und dass er außerdem eine Neigung zum Stalken hat. Ich weiß, das ist jetzt natürlich eine Horrorvorstellung – und jawoh(!) ziemlich „schwarzgemalt“, aber möchtest Du den Kerl z.B. plötzlich vor Deiner Tür stehen haben oder z.B. telefonisch von ihm belästigt werden?

      Lg, Annemarie

      P.S.: Während Spacko Dich beobachtet hat, hat er Dich natürlich auch aufgezeichnet, die Daten wandern als neue Informationen über Dich wiederum ins Web (werden minimum bei Google gespeichert, ggf. aber auch sonstwohin verteilt), diese wiederum ergänzen den Informationsfundus über Deine Person, der somit permanent weiterwächst und z. B. allen Anwendern der Google-Brille zur Verfügung steht.

  3. Ach, das werden die ersten schon merken, wenn man ihnen die Brille auf der Nase zerschlägt. Endlich haben die weißen Hauben mit den Löchern für die Augen dann endlich einen Sinn (man muss sich morgens nicht mehr kämmen) und das Vermummungsverbot wird an den Nagel gehangen.
    Kommt Zeit kommt Rat.
    LG Sunny

    • Na hauptsache, die Gucklöcher in den weißen Hauben sind richtig positioniert, das ist – wie wir ja mittlerweile wissen – gar nicht mal so einfach hinzukriegen😉 Ich dachte eigentlich eher über die Anschaffung einer Burka nach😉

      Lg, Annemarie

  4. Ich will das nicht beschönigen, auf keinen Fall, weil ich diese Brille für so überflüssig halte wie einen Kropf, aber ich vermute mal, dieses „Personen erkennen“ funktioniert auf die Weise, dass ich praktisch selber, so ich denn so eine Brille besitze (was völlige Utopie ist), „Freundeprofile“ anlege und die Brille nicht, wenn der Träger durchguckt, alles abscannt und analysiert, was sich ihm in den Weg stellt, sondern piepst, wenn sie einen „Freund“ sieht. Alles andere wäre wirklich ein massives Datenschutzproblem und das würde m.E. selbst Google nicht durchkriegen.
    Die Marktforscher werden auch (zum Glück) sensibler, was das Thema angeht und krallen sich nicht mehr pauschal alles, was es zu holen gibt (jedenfalls kenne ich eine ganze Menge, die so denken) – ich muss sagen, seit ich durch meine Arbeit Einblicke in den Bereich habe, bin ich etwas beruhigter, was den gläsernen Konsumenten angeht. Und sehe eben auch, dass es oft darum geht, Kundenservice zu verbessern, nicht um permanete Werbeplatzierung.
    Nochmal, ich will das keinesfalls beschönigen! Aber vielleicht beruhigt das etwas….

    • Hi,
      hmm… es wäre natürlich beruhigend verlässlich zu wissen, dass die Personenidentifizierung nur beim eigenen „Freundeskreis“ funktioniert. Das widerspricht aber dem, was ich dazu auf anderen Blogs und in Artikeln gelesen habe.

      Dort stand zu lesen, dass die automatische Identifizierung auch fremde Personen betreffen würde – also auch solchen, mit denen man bisher noch nicht „connected“ ist – gerade das wird u.a. als besonderer Nutzwert für den Träger der Brille hingestellt. So nach dem Motto: „Du siehst eine Person und weißt gleich wer er/sie ist“.

      Natürlich funktioniert das nur, wenn das Netz bereits Informationen über Dich hat, mit denen erfolgreich gematcht werden kann. Also nein, solange alle nur spekulieren und vermuten, bin ich nicht beruhigt. Es geht ja auch nicht nur allein um den Missbrauch durch Werbetreibende. Sie sind nur eine von mehreren Parteien, die ein Interesse an den gewonnen Profildaten haben könnten.

      Lg, Annemarie

  5. Das sind Aussichten, die mir keine gute Laune machen. Ohne Einwilligung und ohne eigenes Wissen… DAS sind genau die beiden Punkte, die mir schwer im Magen liegen.

    Es wird ja von Befürwortern solcher Sachen gerne argumentiert, dass jemand, der nichts zu verbergen hätte, eigentlich kein Problem mit diesem Orwell-Szenario haben sollte. Aber auf die Idee, dass es einfach Menschen gibt, die nicht gerne Fotos und Videos von sich veröffentlicht sehen wollen, kommt leider niemand. Nebenbei bemerkt bin ich dankbar dafür, dass meine Eltern früher noch nicht die Möglichkeit hatten, Kinderbilder von mir ins Netz zu stellen, ohne mich zu fragen. Und mit Promis, die auf Schritt und Tritt von Kameras verfolgt werden, möchte absolut nicht tauschen.

    Hat das was mit meinem Alter zu tun? Nö. Denke ich nicht. Das hat einfach was mit den Persönlichkeitsanteilen zu tun, die in jedem unterschiedlich ausgeprägt sind.😛 Und mit einer Kultur, die uns eindeutig mit too much information überschüttet. Es gibt Sachen, die ich einfach nicht wissen will und die hinter verschlossene Türen gehören. Aber mittlerweile muss man ja tatsächlich richtig Energie aufwenden, um diesem TMI-Overkill zu entgehen. Finde ich furchtbar und das nervt mich.😦

    • Yip, Du sagst es. Auf anderen Seiten, wo über das Thema „Google Glass“ diskutiert wird, wurde übrigens das Tragen eines „Störsenders“ empfohlen, wenn man nicht fotografiert (oder gefilmt) werden möchte. Ich glaube, der soll dann für eine automatische Verpixelung von Gesichtern a lá „Google Streetview“ sorgen. Wobei die allerdings nicht geschrieben haben, (ob und) wo man diese Störsender kaufen kann… Lg, Annemarie

  6. Hallo Annemarie,
    mehr noch als das jederrzeit gefilmt zu werden, fürchte ich, dass diese Brille genau registriert, worauf mein Blick fällt und damit von mir ein Verbraucherprofil erstellt wird. Heute gibts Adressenkauf, morgen dann Profilkauf (gibt’s wahrscheinlich heute schon). In der Folge werde ich dann woimmer ich bin mit der „passenden“ Werbung überschüttet.
    Was seinerzeit in 1984 und in Brave New World beschrieben wurde, haben wir längst getoppt. Ich finde das auch besorgniserregend.
    herzlichen Gruß von Sabine

    • Guten Morgen Sabine,

      ja, das ist auch eine Möglichkeit, wie Daten (über diese Brille) gesammelt und ausgewertet werden könnten. Was sich aber (vermute ich mal) in wesentlich stärkerem Ausmaß für den Träger selbst als für Personen in dessen Umgebung auswirken wird. Und wenn der Träger sich dazu entscheidet, diese Brille zu tragen, die jeden seiner Blicke und Aktionen aufzeichnet, ist das seine eigene freie Entscheidung. Soll er von mir aus machen – Stichwort „informationelle Selbstbestimmung“. Es ist jedoch nicht in Ordnung, mit der Brille Informationen über unbeteiligte Personen zu sammeln, die dieser Art der Informationssammlung (und damit Weitergabe von Informationen z. B. an Werbetreibende) nicht zugestimmt haben.

      Was die Zukunft der Werbung betrifft, kommt mir stets folgende Filmszene in den Sinn: http://youtu.be/7bXJ_obaiYQ (aus dem Film Minority Report).

      Lg, Annemarie

    • Guten Abend Annemarie,
      ich sollte nicht kommentieren, bevor der erste Kaffee Wirkung zeigt. Natürlich werde ich mir keine solche Brille zulegen, was mich folglich auch nicht zum Opfer der Werbeindustrie macht.
      So wie in der Filmszene hab ich mir das vorgestellt, heute morgen, mit vernebeltem Hirn. 🙂
      Gruß von Sabine

    • Hi Sabine,

      Du hattest doch damit gar nicht so unrecht. Dass auf diese Weise weitere Informationen über die Anwender – sowie ggf. auch Personen in deren Sichtfeld – gesammelt werden könnten, wäre durchaus denkbar.

      „Opfer der Werbeindustrie“ sind wir das nicht schon längst? Zumindest die meisten von uns. Wer achtet schon akribisch darauf wirklich nirgendwo Spuren zu hinterlassen, die eine Profilerstellung zulassen? Ich persönlich empfinde personalisierte Werbung übrigens gar nicht grundsätzlich als störend, nur manchmal etwas nervig.

      Lg, Annemarie

  7. Da kommt man sich vor wie in einem Science Fiction Film. Unsere Datenschützer werden Amok laufen, hoffe ich. Gruselig.
    LG Sabine

    • Hi Sabine, das ist zu hoffen. Allerdings wissen wir ja aus Erfahrung, die Mühlen der deutschen Gesetzgebung mahlen oft recht langsam… Lg, Annemarie

  8. Deutsche Politiker werden es (das Filmen, das auch heute durch ein Smartphone ja eh schon recht einfach geht) verhindern – und zwar spätestens dann wenn die Staatsgewalt immer und überall beobachtet werden wird, Polizisten, Politiker und Beamte bei Ihrer Arbeit massenhaft gefilmt werden…

    • Hallo U., hoffentlich behältst Du damit recht. In dem Fall hätten wir ausnahmsweise einmal alle etwas davon. Lg, A.

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