Höflichkeit ist eine Zier…

10 Kommentare

…doch weiter kommt man ohne ihr?

Bild © bluedesign – Fotolia.com

Eigentlich lebe ich ganz gerne in einer Großstadt (es ist alles so schön „nearby“), doch was mich zunehmend nervt, ist die Rücksichtlosigkeit meiner Mitkonsumenten. Einkaufen wird so manchmal zur lästigen Qual. Da geht es oft Ellenbogen gegen Ellenbogen. Touris laufen in einer Reihe nebeneinander auf den schmalen Gehwegen und denken nicht im Traum daran, etwas Platz zu machen, wenn jemand vorbei möchte. Weicht man als Gegenüber selbst nicht auf die Straße aus, macht man halt Bekanntschaft mit den Ellenbogen des „Gegenverkehrs“. Und fängt sich zusätzlich vielleicht sogar noch einen „freundlichen“ Spruch dazu ein. Radfahrer rasen auf den Gehwegen nur wenige Zentimeter nah an Passanten vorbei (Klingeln ist übrigens aus der Mode) und betrachten rote Ampeln sowie Zebrastreifen offenbar schlicht als „Vorschläge“. Von den vielen besonders „pfiffigen“ (Vor)-dränglern in Warteschlangen ganz zu schweigen.

Wenn ich meine Mutter besuche, die recht ländlich lebt, habe ich den Eindruck, dass es dort (noch?) nicht ganz so rüde zugeht. Handelt es sich bei diesem Phänomen also um so etwas wie eine intraspezifische Konkurrenz? Einfach zuviele Menschen, die denselben Platz beanspruchen?

Oder kann es sein, dass sich unsere Gesellschaft tendenziell immer mehr zu einer Ellenbogengesellschaft entwickelt in der es in erster Linie darum geht eigene Interessen auf Kosten von anderen durchzudrücken? Die Höflichkeit im Sinne von Rücksichtsnahme als Schwäche (oder gar Dummheit) interpretiert? Heute habe ich zum Beispiel auf einem anderen Blog gelesen, dass Kindern heutzutage beigebracht wird, wie man NICHT zum Opfer wird. Nicht jedoch, wie man NICHT zum Täter wird…

Vielleicht liegts aber auch nur daran, dass ich alt werde. Immerhin haben sich in meiner Jugend schon die „spießigen“ Alten über die angebliche Unhöflichkeit unserer Generation beschwert. Und wir fanden es damals übertrieben – und halt spießig. Allerdings lag der Maßstab für Höflichkeit damals auch noch um einiges höher als das, was ich mir heutzutage wünschen würde. Ich bin da nämlich relativ bescheiden. Es geht nicht darum, z. B. jeden fremden Passanten zu grüßen, sondern einfach um ein wenig Rücksichtsnahme nach dem Motto „was Du nicht willst, was man Dir tu, das füge keinem anderen zu“ oder „behandle andere so, wie Du behandelt werden möchtest„. Das Traurige ist, wenn einem hier in der Stadt jemand völlig Fremdes mit einem freundlichen Lächeln gegenübertritt, dann meistens deshalb, weil man etwas von Dir will (hinter dem „Wollen“ steckt im allgemeinen übrigens eine monitäre Motivation – quelle surprise 😉). Was zur Folge hat, dass es einen selbst mit der Zeit immer misstrauischer stimmt.

Ist dies also einfach nur die subjektive, etwas verknöcherte Sichtweise einer älteren Dame und die Gesellschaft war in Wirklichkeit nie anders? Vielleicht. Allerdings würde ich nicht behaupten, dass es allein Kinder und Jugendliche sind, die sich auffallend rücksichtslos verhalten. Nein, eigentlich zieht sich das durch alle Altersstufen hindurch. In Punkto „Vordrängeln in Warteschlangen“ sind sogar die Alten – die Rentner besonders gern Vorreiter (was andererseits am unverständlichsten erscheint, weil gerade die doch ausreichend Zeit haben müssten). Nimmt man dagegen selbst Rücksicht, erntet man meist nur Verwirrung oder sogar Kopfschütteln. Lässt man z.B. in besagter Warteschlange im Supermarkt freiwillig einen anderen Kunden vor, muss man mit völlig entgeisterten Blicken rechnen. Vermutlich haben die meisten (hier in der Stadt) so etwas einfach noch nie erlebt 😉

Wenn ich mich also mal wieder durch die Stadt „durchkämpfe“ dann frage ich mich manchmal, wo das wohl in Zukunft noch hinführen wird. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich mich jetzt exakt wie die alten spießigen Tanten damals in meinem Heimatkaff anhöre…

P.S.: Nächste Woche steigt das Thermometer angeblich wieder über die Nullgrenze. Vielleicht werde ich dann auch mal wieder das eine oder andere Outfit fotografieren und verschone Euch mit weiteren Textwüsten (ähm, zumindest vorläufig ;-))

Manchmal fühl ich mich so monkig…
„It’s a jungle out there“ von Randy Newman – der Titelsong zur TV-Serie „Monk“

10 Gedanken zu „Höflichkeit ist eine Zier…

  1. Hallo Annemarie,
    ich habe auch das Gefühl, dass das eher ein Stadtphänomen ist – denn bei uns auf dem Dorf gibt es zumindest noch ein Mindestmaß an höflichem Umgang – in der Stadt schaut das leider anders aus. Bei mir führt das auf jeden Fall dazu, dass ich nicht mehr so gern durch unsere Innenstädte schlendere sondern mich – besonders beim Einkaufen gern auch auf das Onlineangebot verlasse 🙂

    LG aus der EDELFABRIK
    Chrissie

  2. Liebe Annemarie, mir ist gerade bewusst geworden, wie unhöflich ich selbst war. 😉 Kommentiere zum ersten Mal hier und platze ohne ein „Hallo“ oder irgendeine andere Höflichkeitsfloskel hier rein. 😳 Und zu deiner Antwort: Mir selbst fällt’s auch immer schwerer, höflich zu bleiben. (s.o. 😉 ) und neben dem von dir beschriebenen „steten Tropfen“ liegt es an meiner bewusst herbeigeführten Unachtsamkeit. Einerseits geht man in der Großstadt zu ruppig miteinander um, andererseits wird man mit „geschäftsmäßigem Höflichkeitsgeschleime“ zugeschüttet – an der Kasse bei Kaufla*nd beispielsweise. Mich nervt beides – also klinke ich mich unterwegs oft innerlich aus und schalte in den Automatik-Modus, das schont die Nerven. 😉

    LG Anna

  3. Huhu du Liebe,
    du sprichst mir aus der Seele. War gestern beim „Schweden“ Möbel gucken und musste feststellen, dass einige Leute (vor allem im Rudel) mitten in den Gängen stehen bleiben als gäbe es keine anderen Menschen. Die waren völlig in Gedanken versunken. Auch im Supermarkt: Der Einkaufswagen wird mitten im Weg abgestellt, so dass keiner mehr vorbei kann. Hauptsache ich! Schade, dass den Kindern keine Werte mehr vermittelt werden. Ich finde das gar nicht spießig und hoffe, dass wir unsere Söhne in der Hinsicht richtg erzogen haben.
    LG Sabine

    • Hi Sabine,
      das ist wirklich beruhigend zu sehen, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Hatte schon die Befürchtung, ich wäre „einfach nicht mehr locker genug“.
      Lg, Annemarie

  4. Höflichkeit und Rücksichtnahme? Beides eine aussterbende „Art“ – leider. Mir hat eine Begebenheit im letzten Sommer zu denken gegeben. Mein Sohn (damals 12) und ich waren mit dem Rad unterwegs. Vor uns lief eine ältere Dame, er klingelte um vorbeigelassen zu werden und bedankte sich im Vorbeifahren dafür, dass sie Platz gemacht hatte. Daraufhin sagte sie völlig begeistert zu mir, was für ein „gut erzogenes“ Kind ich doch hätte. So höflich etc. Klar habe ich mich darüber gefreut, nur… sollte so ein Verhalten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein und nichts, was man besonders hervorhebt. Witzigerweise sind kleinere Kinder – ehe sie in die Pubertät kommen – oft höflicher als viele Erwachsenen. Da wird gerempelt und gedrängelt und wenn du was sagst oder missbilligend die Augenbrauen hochziehst, kommt noch eine blöde Antwort nach. Mich nervt das. 😕

    P.S: Das ist ein Grund, warum ich zum Onlineshopper geworden bin. 😉

    • Hi Anna,

      an Stelle der älteren Dame wäre ich vermutlich ebenfalls erstmal perplex gewesen. Damit rechnet man heutzutage schon gar nicht mehr (ganz unabhängig vom Alter). Hoffentlich hält sich das bei Deinem Sohn. Obwohl – einfach ist das sicherlich nicht. Ich finde es schwierig selbst höflich oder sogar freundlich zu bleiben, wenn ich im Gegenzug meist auf Unhöflichkeit oder Ignoranz stoße. Wenn ich z. B. feststelle, dass andere das sofort für sich ausnutzen und einen (weil man ja so blöd ist, nett zu sein) zu übervorteilen versuchen. Ich meine sowas in der Art wie – man macht Platz für Person A (sagen wir mal eine Oma in der Straßenbahn) und ehe man sich versieht hat sich Person B (keine Oma) ruckzuck auf den freigewordenen Platz geworfen. Und wenn man sich dann zu beschweren versucht kommt „wenn Sie so blöd sind, den Platz freizumachen! Ihr Problem!“. Wer so etwas öfter erlebt hat, hat irgendwann keine Lust mehr. Also – ich glaube, auf Dauer färbt das ab, im Guten wie im Schlechten. So nach dem Motto „steter Tropfen“.

      Lg, Annemarie

  5. Ja, zum Glück ist noch eine Weile hin. Mir wird schon noch was einfallen.
    Zu meiner Theorie, ganz kurz. Beobachte mal, wie Eltern mit Kindern, Erwachsene und Kinder mit alten Leuten, Paare miteinander umgehen. Keiner hat Zeit, dem andern zuzuhören, ihm oder ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Da wird mit ein paar lapidaren Worten abgewiegelt, dem Knirps ein Eis gekauft, damit er ruhig ist. Die fehlende Aufmerksamkeit wird dann anderswo eingefordert, auf für uns nervige Weise. Dass wirklich die Zeit fehlt, aufeinander einzugehen, glaube ich übrigens nicht. Wenn wir einen Teil der Dinge, die ungewollt auf uns einprasseln (Mobiltelefon, Fernsehen, zehntausend Freunde…) ausblenden, bleibt genug Zeit. Ich denke aber auch, dass es vielen schwer fällt, die Entscheidung zu treffen, was wichtig ist und was nicht (oder dass sie andere Prioritäten haben). Auf jeden Fall tun sie mir leid, diese armen „Unbeachteten“. Das lässt sie mich meist leichter ertragen.
    Lieben Gruß und hab eine schöne Woche!
    Sabine

  6. An manchen Tagen empfinde ich es genauso. Was mich zusätzlich extrem stört ist die Lautstärke, in der miteinander geredet oder telefoniert wird. Ich denke es ist bei allem ganz viel Profilneurose dabei. Bei den Alten und den Jungen. Jeder meint er muss sich produzieren, wichtig machen, Platz und Aufmerksamkeit beanspruchen. Ich hab so meine Theorie woher das kommt, aber die zu erläutern, würde hier zu weit führen.
    Meist kann ich es ausblenden, weil das Verhalten und das laute Gerede einfach nur doof ist. Auf dem Gehsteig schaffe ich mir Platz in dem ich den Leuten „böse“ in die Augen schaue.
    Da dieses Neandertalerverhalten vorwiegend auftritt, wenn viele Leute unterwegs sind, gehe ich meist Einkaufen, wenn weniger los ist (Montagabend oder Samstag sehr früh). Als alt und verknöchert empfinde ich mich übrigens gar nicht, wenn mich das stört. Ich denke eher, dass wir bewußter leben unser Umwelt wahrnehmen und nicht an uns vorbeirauschen lassen. Das hoffe ich mir auch bis ins hohe Alter zu bewahren.
    Annemarie, spießig ist anders!
    Lieben Gruß + schönes Wochenende!
    Sabine, die sich schon auf Fotos von Dir freut.
    Übrigens hab ich noch keinerlei Plan zu den Oscarfilmen – ich warte noch auf eine Eingebung.

    • Hi Sabine,

      danke für Deine positive Resonanz. Ich hatte ein bisschen die Befürchtung, dass ein solches Thema für meinen Blog etwas zu ernsthaft bzw. zu kritisch sein könnte (weil: es ist ja eigentlich ein Modeblog). Aber der Beitrag lag schon eine Weile „in der Schublade“ und da ich mal wieder keine Fotos gemacht habe, dachte ich mir, ich wage es einfach mal damit. Bzgl. Deiner Theorie machst Du mich ja jetzt echt neugierig 🙂 Es ist beruhigend zu sehen, dass ich nicht die einzige bin, der so etwas auffällt.

      Ich würde es übrigens auch vorziehen, nur zu solchen Zeiten einkaufen zu gehen, wenn weniger los ist, schaffe das aber oft nicht. Erfahrungsgemäß ist es an Wochentagen vormittags meist angenehmer, aber das geht halt nur wenn ich Urlaub habe.

      Glg und auch Dir ein schönes Wochenende! Annemarie

      P.S.: Das mit den Oscars hat ja noch fast einen ganzen Monat Zeit.

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