Maschendrahtzaun

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Meine alten Turnschuhe

Meine alten weißen Turnschuhe

Was machen eigentlich Marketingmenschen und Verkaufsprofis, wenn sie uns irgendwelche Lifestyleartikel verkaufen wollen, die wir entweder bereits besitzen oder die wir (oder unsere Eltern) früher bereits besessen haben? Und vielleicht noch in unseren Kellern oder Speichern aufbewahren? Ganz klar, sie verpassen dem Kind einfach einen neuen Namen! Und damit gleichzeitig ein neues, modernes Image! Der neue Name sollte möglichst aus dem Englischen stammen oder zumindest so klingen als ob er es täte („Dinglish“). Unter diesem verkaufen sie uns das eigentlich altbekannte Produkt anschließend als „Neuheit“. Möglicherweise wird das Produktdesign noch geringfügig modifiziert, damit es vom Original insoweit abweicht, dass eine namentliche Unterscheidung alibimäßig gerechtfertigt erscheint.

Gerade auch in der Mode erleben im Zuge der ganzen Retrotrends in den letzten drei Jahrzehnten ständig Kleidungsstücke, Schuhe oder Accessoires unter neuen Namen ihr Revival. So wurde aus dem Turnschuh, wie man bis in die 1980er Jahre solche Schuhe bezeichnete, die zum Sport, aber auch in der Freizeit getragen werden, spätestens in den 1990er Jahren der Sneaker. Und ob ein Sneaker nun etwas anderes ist, als ein Turnschuh oder exakt dasselbe – nur eben die Übersetzung aus dem Englischen – vermag niemand so genau zu beantworten.

Bluse und Gliederkette: H&M, Hose: American Apparel

gepunktete Bluse: H&M, Bundfaltenhose (im 80er-Stil): American Apparel

Auch ein schönes Beispiel ist die Schlaghose. In den 1970er Jahren total angesagt, in den 1980er Jahren dagegen absolut verpönt. Wer es während meiner Jugendzeit wagte, sich in einer Schlaghose blicken zu lassen, der hatte wenig zu lachen. Ach was – allein schon das Tragen einer gerade(!) geschnittene Hose reichte aus, um einem soziale Ächtung einzubringen 😉 Ein gutes Beispiel für die Regel, dass auf jeden Trend konsequenterweise irgendwann der Gegentrend folgt. Aber ab den 1990ern rückte eine neue Generation an Konsumenten nach, die sich an den weit schwingenden Hosenbeinen noch nicht sattgesehen hatte und so tauchte diese Hosenform langsam wieder auf. Die Weite an den Unterschenkeln war jedoch zunächst etwas gemäßigter als bei ihrem Vorbild aus den 1970ern (die bereits erwähnte Modifikation) und vor allem hießen sie nicht länger Schlaghosen, sondern „Bell Bottoms„. In der heutigen Modevielfalt an Damenmode, welche kaum eigene kulturelle Innovationen hervorbringt, sich dafür aber reichlich aus dem Ideenfundus der vergangenen Jahrzehnte bedient, ist aber auch die extrem weite Variante längst wieder erhältlich, auch wenn sie in der Masse nicht wirklich durchgesetzt hat und damit eine Randerscheinung bleibt. Jedoch findet man die weite Form heute unter dem englischen Begriff „Flared Jeans„. Eigentlich also drei Begriffe für ein- und dasselbe – mit geringfügigen Abweichungen im Design.

Leostirnband

Dolly Bow als Stirnband getragen

Dann hätten wir da noch den Overall, der Einteiler, der zum Jumpsuit wurde (warum eigentlich „Jump“, soll frau darin hüpfen?*). Zunächst wurden nur die kurzbeinigen Exemplare so (um)benannt, mittlerweile jedoch alle Formen, soweit ich das beobachten kann. Highheels nennt die Generation meiner Eltern übrigens noch manchmal Stöckelschuhe, ehemalige Kapuzenpullover heißen mittlerweile Hoodies, Dessous waren mal Reizwäsche (ok, das war schon ein ziemlich doofes Wort, hier war die Namensänderung also durchaus angebracht), Slips schlicht Unterhosen – und meine Mum nennt sie immer noch stur „Schlüpfer“ (auch kein wirklich schönes Wort…), aber das halte ich für regionalen Slang. Und dann gibt’s natürlich noch die Messenger Bags – was einfach kleine Handtaschen sind. Ich wette, Euch fallen noch viel mehr Beispiele ein.

Fazit: Bis auf wenige Ausnahmen aus dem Französischen (vor allem im Bereich der Unterbekleidung, in dieser Hinsicht vertraut man wohl am ehesten der französischen Expertise) gilt: Hauptsache es ist (oder klingt zumindest) Englisch. Das wohl bekannteste Beispiel für „muss möglichst englisch klingen“ (und ist dabei irgendwie peinlich, weil es gar kein Englisch ist), ist „das Handy“. Denn der Trend betrifft – wie gesagt – nicht nur die Mode, sondern den ganzen Lifestyle/Konsumerbereich einschließlich – und vor allem auch – der Technik.

Hose von Mango

schwarze Satinbluse und Tuch: H&M, Hose: Mango, Art-Deko-Ohrringe: SIX

Heute las ich auf einem Blog etwas über „Fence“-Muster, also Gittermuster, die optisch an Maschendrahtzäune erinnern. Und dachte mir dabei, warum bezeichnen wir es eigentlich nicht wirklich mal als „Maschendrahtzaun-Muster“? Das klingt dermaßen uncool, das wäre schon wieder cool – weil es so ungewohnt ist. Ist zumindest meine Meinung. Obwohl ich immer Gegner der sprachlichen Abgrenzung war – ich komme z.B. immer noch nicht mit der Verdeutschung einiger Begriffe in der „neuen deutschen Rechtschreibung“ klar, ich nenne nur Ketschup oder Portmonee als Beispiele. Und von mir aus hätte MTV damals gerne englischsprachig bleiben können (weil: das übt!²). So finde ich es trotzdem schon lange nicht mehr besonders lässig, möglichst für alle Produkte englische Begriffe zu verwenden. Die Alternative muss ja nicht zwingend Deutsch sein, wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit Übersetzungen aus anderen Sprachen, Italienisch zum Beispiel? Oder Finnisch? Oder wie wäre es mit Holländisch? Ich wette die Holländer hätten jede Menge lustig klingender Begriffe für uns parat.

Auf den Fotos seht Ihr, wie ich letzte Woche so rumgelaufen bin, etwas „off topic“, aber ein Kleidungsstück im „Maschendrahtzaunmuster“, welches ich Euch hier präsentieren könnte, besitze ich halt noch nicht ;-). Ich habe mir stattdessen noch eine weitere schwarze Hose gekauft, nämlich dieses Exemplar aus der neuen Kollektion von Mango im Herrenhosenschnitt. Der Stoff ist zwar etwas dünn-faserig (es soll ja eigentlich eine „Herbsthose“ sein), aber dafür sitzt sie vom Schnitt her genauso lässig wie ich mir das vorgestellt habe.

* = Ich habe gegoogelt: Tatsächlich ist der Begriff „Jumpsuit“ von den Ganzkörperanzügen abgeleitet, die Fallschirmspringer tragen. Mit dem „Hüpfen“ lag ich also gar nicht so verkehrt.

2 = Warum ich dann nicht in Englisch blogge? Weil ich die letzten Jahre eben zu wenig geübt habe. Demzufolge verfüge ich im Englischen über einen deutlich geringeren (aktiven!) Wortschatz. Würde ich in Englisch bloggen, müsste mein Geschreibsel vor Veröffentlichung also immer von jemand gegengelesen werden (zuviel Aufwand). Aber vielleicht werde ich demnächst mal angehen whattowear.de zu übersetzen, das ist weniger textlastig als der Blog. Und es wäre eine gute Übung 😉

7 Gedanken zu „Maschendrahtzaun

  1. Pingback: Wie im Film – Teil 3 | Meine Kleider

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  3. Hallo 🙂 Mir fallen ganz spontan auch noch ein paar Sachen ein – zum Beispiel … sind meine Favs zu meinem Skinnys meine Ankleboots und die Shades die ich im Sale geshoppt sind auch total sexy 🙂 – man könnte aber auch sagen, dass ich zu Röhrenhosen am liebsten Stiefelletten trage und meine neue Sonnenbrille aus dem Sommerschlussverkauf wirklich ganz schön ist 🙂 *lach* – aber so ist das eben – ich versuche mir übrigens wirklich anzugewöhnen „Mobile“ statt „Handy“ zu sagen – weil das in der Tat eine sehr merkwürdige Denglish-Wortschöpfung ist.

    Schlüpfer ist übrigens ein fabelhaftes Wort – es gibt ja auch eine Website mit bedrohten Wörtern unserer Sprache 🙂 – da werde ich mal wieder vorbeischauen – vielleicht finden wir den Schlüpfer da auch schon 😉

    Übrigens war ich gleich auf der H&M Website – ich befürchte die Bluse mit den großen weißen Punkten hast Du schon länger oder? Die ist sooooooooooo schön!

    LG aus der EDELFABRIK
    Chrissie

    • 🙂 Hi Chrissie! Sehr schöne Wortbeispiele! Das hab ich übrigens schon vermutet, dass Dir die Bluse gefallen würde (weil gepunktet). Aber Du hast es schon ganz richtig geahnt: Das Teil bewahre ich schon seit einigen Jahren in meinem Schrank auf (ist übrigens teiltransparent – das müsste es von mir aus natürlich nicht sein), denn ich schmeiß ja (fast) nix weg. Wäre ja auch schön blöd, wo doch in der Mode immer alles wiederkehrt.

      lg, Annemarie

    • Ich hab’s mir schon gedacht 🙂 – sei froh, dass Du sie aufgehoben hast 🙂 – auf die Teiltransparenz könnte ich übrigens auch verzichten 😉 übrigens die Kombi ganz in schwarz finde ich auch ziemlich klasse !!!!

      LG Chrissie

  4. Hi T.! Nicht nur dann, wenn man einen Modeblog hat. Ich arbeite in der Medienbranche, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie da zum Teil mit Anglozismen und Buzzwords um sich geworfen wird. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht auch anders ginge, zumindest was neue Begrifflichkeiten betrifft. Lg, A.

  5. Hehe, gut beobachtet! Leider lässt sich ein bischen Denglisch unmöglich vermeiden, wenn man einen Modeblog hat.
    Ich sag übrigens auch „Schlüpfer“, hab ich von Mama so gelernt.

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